E-Paper - 12. Juni 2019
Rheintaler Bote
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Kapitän baut in Eigenregie einen Stahlkoloss

Von Cassandra Wüst

Urs Wildisen arbeitet derzeit in Balgach an einem Mammutprojekt eine 25 Meter lange Stahlyacht in Eigenbau. Doch damit nicht genug, denn der 58-jährige Appenzeller hat damit Grosses vor.

Balgach «Ein stattliches Böötli.» Urs Wildisen zeigt schmunzelnd auf das enorm grosse Stahlgebilde vor sich. Mit einer Länge von 25 Metern, einem Gewicht von 25 Tonnen und einer Breite von fünf Metern, trifft es stattlich nicht annähernd. Es ist ein einzigartiges Projekt in der Schweiz, das es so noch nie gegeben hat. Der 58-Jährige ist derzeit damit beschäftigt, sich seine eigene Stahlyacht zu bauen. Und das, ohne professionelle Hilfe. «Ausser ein paar Kollegen, arbeite ich alleine an diesem Projekt», erzählt Wildisen. Die Faszination für solch ein Projekt rührt schon von Kindestagen an. Denn wie Wildisen sagt: «Das Wasser ist mein Element.»

Der begeisterte Kapitän auf dem Rhein

«Bevor ich schreiben und lesen konnte, habe ich schon geschweisst und konnte mit der Drehbank umgehen», erzählt Wildisen und lacht. In Kindestagen war der 58-Jährige, war er nicht gerade mit dem Gumiboot auf dem See, stets in der Werkstatt seines Vaters aktiv. Schrauben, bastlen, erfinden, konstruieren dies liegt ihm im Blut. Mit einem Scheibenwischermotor und einer Autobatterie hat er mit zehn Jahren die erste Schiffsschraube aus einem verdrehten Aluminiumblech selber gebaut. Nicht verwunderlich, dass er sich im Alter von 15 Jahren für die dreijährige Lehre auf der Schifferschule entschieden hat. «Dort habe ich die Liebe zur Schifffahrt gefunden», schwärmt Wildisen. Es folgten weitere Kurse, bis er schliesslich das grosse Kapitänspatent auf dem Rhein erhielt. Jahrzehnte war der Rhein sein Arbeitsplatz. Den Fluss kennt er wie seine linke Westentasche. Sein Ziel hatte er immer klar vor Augen: In der Pension eine «rechten Dampfer» zu bauen und den Lebensabend auf den Flüssen und Kanälen in Europa zu verbringen. Seit acht Jahren ist er nun unermüdlich mit dem Stahlyacht-Grossprojekt beschäftigt.

2500 Stunden Arbeit, 18 Kilometer Schweissnähte

Gebaut wird sein Schiff in Balgach im Industriegebiet. «Den Platz habe ich glücklicherweise von einem meiner Fahrschüler zur Verfügung gestellt bekommen. Im Garten hätte ich das Schiff schlecht bauen können», witzelt er. Mit zwei Jahren Planung im Vorfeld konnte Wildisen im April 2014 mit dem handwerklichen Teil beginnen. Nun, vier Jahre danach, ist die Schale des Schiffs fertig. 2500 Stunden hat er in den Bau der Schale gesteckt. 18 Kilometer Schweissnähte sind darin verarbeitet. Ein beachtlicher Bau, der für den Kapitän auch einige Tücken bot: «Die grösste Herausforderung ist die Aquadynamik am Rumpf des Schiffs gewesen. Das brauchte viel Zeit und Präzisionsarbeit.» Das Schwierigste hat Wildisen hinter sich und er meint zuversichtlich: «Nun wird es gut weiterlaufen.» Das Highlight seiner 25 Meter Stahlyacht ist jedoch das Antriebssystem ein von ihm entwickelter Hybridmotor. Mit Sonnenkraft fährt das 25 Tonnen schwere Schiff rund 10 km/h. «Segeln war gestern, heute solart man», erzählt Wildisen. In einem nächsten Schritt werden die Aufbauten angefertigt und auf dem Schiff montiert. Im nächsten Jahr wird dann alles eingebaut, unter anderem die Isolierung und Heizung. Seinem Ziel, bald auf dem Dampfer über den Rhein zu tuckern und sein Leben darauf zu verbringen, kommt er immer näher.

Ohne Fahrplan unterwegs

«Ich träume schon lange davon, endlich ohne Fahrplan auf dem Rhein zu fahren», erzählt Wildisen. Von Basel aus will er den Rhein und andere prachtvolle Kanäle Europas bereisen und auf dem Wasser den Rest seines Lebens verbringen. «Wenn ich nach 14 Kilometern jeweils ein Bierschild sehe, weiss ich, dass ich richtig bin», sagt er und lacht. In den zwei geplanten Gästekabinen, ist auch Platz für Helfer vorgesehen, die ihn auf dem Schiff besuchen kommen. Nun, so kurz vor seinem Ziel, wünscht er sich nur eines weiterarbeiten zu können und gesund zu bleiben. «Nach all den Jahren Arbeit, will ich meinen Ruhestand auf dem Wasser auch geniessen können.» Wann das Schiff auf Wasser trifft, ist noch nicht klar, aber eines steht fest: Wenn sein Stahlyachtbau erst einmal mit Wasser in Berührung gekommen ist, hält ihn nichts mehr zurück.

Rheintaler Bote vom Mittwoch, 12. Juni 2019, Seite 22 (18 Views)

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